
Unser gemächlicher Urlaub hatte ein wenig an Fahrt auf, als Jonathan da war, denn natürlich sollte er ein bisschen von der Gegend sehen. Statt also an einem der vielen Flüssen entlang zu wandern, beschlossen wir, nach York zu fahren. JYork ist nicht wirklich weit weg von den Yorkshire Dales, wir brauchten aber trotzdem fast 90 Minuten, bis wir dort waren, denn die Straßen sind zum Teil nur einspurig und haben Ausweichtplätze, damit man begegnende Wagen durch lassen kann.

Das Wetter meinte es gut mit uns, den ganzen Tag schien die Sonne. Wir hatten uns nichts vorgenommen, d.h., wesstanden keine Besichtigungstouren auf dem Programm. Wir wollten uns durch die Stadt treiben lassen und einfach dort schauen, wo es schön war. Da wir in der Nähe von High Petergate geparkt hatten, konnte unser erstes Ziel nur das Münster sein. Die Innenstadt von York es zum Teil noch sehr mittelalterlich geprägt. Die alten Gassen scheinen alle zu Münster hinzu führen. Das sieht man auch sehr schön an dem 3-D Modell der Stadt, das vor dem Münster aufgebaut ist. Ins Münster selbst warfen wir nur einen sehr kurzen Blick. Leider war ein Großteil des Innenraums eingerüstet, so dass wir uns eine Besichtigung sparten.
Einer der bekannten Söhne der Stadt York ist übrigens Guy Fawkes. Nie gehört? Jedes Kind in England kennt seinen Namen. 1570 wurde er in York geboren; mit 13 konvertierte er zum Katholizismus (sein Vater war inzwischen verstorben und seine Mutter heiratete in zweiter Ehe einen Katholiken). Fawkes wurde Soldat und kämpfte in den verschiedensten Kriegen auf dem europäischen Festland. Er wusste, wie man mit Sprengstoff umgeht. Anlässlich der Parlamentseröffnung am 5. November 1605 plante er mit weiteren Verschwörern, die anglikanischen König James und mit ihm das komplette Parlament in die Lust zu sprengen. Die Krone sollte wieder katholisch werden. Dazu mieteten sie ein Gewölbe unter dem Parlament an. Doch der Plan wurde verraten und man fand Guy Fawkes bei den Sprengstoffvorräten. Er wurde gefoltert und gestand. Am 31. Januar 1606 sollten er und seine Mitverschwörer gehängt und gevierteilt werden. Diesem Schicksal entging Fawkes, indem er mit umgehängter Schlinge vom Podest sprang und sich das Genick brach. Die Bevölkerung wurde ermutigt, den Tag des Gunpowder Plots mit Feuerwerk und Scheiterhaufen zu feiern. Diese Tradition lebt bis heute fort, ebenso wie der Reim:
Remember, remember
the Fifth of November
Gunpowder, treason and plot;
I see no reason
why gunpowder treason
Should ever be forgot.
(Erinnere dich, erinnere dich an den fünften November. Schwarzpulver, Verrat und Komplott. Ich sehe keinen Grund, warum die Schwarzpulver-Verschwörung jemals vergessen werden sollte.)
Wir ließen uns durch die Gassen treiben und hatten kein richtiges Ziel. Es gab aber auch viel zu sehen. Zum einen ist das Stadtbild wirklich pittoreskt. Es gibt so viel anzusehen. Zum anderen finden sich in den kleinen und größeren Straßen außergewöhnliche Läden und wir machten einen ausgiebigen Schaufensterbummel. Gin ist nicht nur in Deutschland das In-Getränk, auch hier in York finden sich Läden für Liebhaber des Getränks. Aber auch ungewöhnliche Hochzeitstorten und Schmuck war zu sehen (und zu kaufen). Doch wir blieben standhaft.
Bis dann Jonathans auf die Idee kam, dass wir doch „eigentlich“ mal in das National Railway Museum gehen könnten. Das würde doch sowieso in der Nähe liegen. Dem war tatsächlich so. Nach einigen Minuten hatten wir das Museum erreicht und Jonathan war glücklich. Das Herz eines jeden Eisenbahnenthusiasten schlägt in diesem Museum sicher höher. In einer Halle waren die königlichen Züge zu sehen. Hier standen die Waggons, in denen die Hoheiten zu reisen pflegten. Die ersten erinnerten tatsächlich noch sehr an Kutschen. Alle hatten gemeinsam, dass sie äußerst bequem gepolstert waren. So ließ es sich bestimmt gut reisen.
In der Great Hall, der großen Halle, gab es eine unfassbar große Sammlung an Lokomotiven zu sehen. Da standen da Flying Scotsman, der Mallard, Der japanische Shinkansen, der Eurostar und viele andere mehr. Ich wie gesagt: das Paradies für Eisenbahn Enthusiasten.
Julian wartete mit Lilly tapfer draußen. Lokomotiven sind nicht so sehr sein Ding.
Anschließend ging es wieder zurück in die Altstadt. Dabei überquerten wir den Fluss Ouse, der durch York fließt. Wir schauten den Ruderern ein wenig zu und hätten gern selbst mitgetan. Aber dann ging es schon wieder hinein in die Altstadt. Die Shambles wollten wir gerne sehen, jene Straße, in der die Häuser nach oben breiter werden, so dass sie sich fast berühren. Der Grund dafür liegt darin, dass die Steuer auf Wohnraum auf das Erdgeschoss berechnet wurde. So wurden die Stockwerke darüber überhängend gebaut: man hat mehr Platz und zahlte weniger Steuern. Die Shambles sind bei Touristen äußerst beliebt, darum gibt es dort auch viel Touristisches zu sehen bzw. zu erwerben. Nun gibt es tatsächlich Geschäfte, die besser passen als andere. Und was könnte besser zu der mittelalterlichen Gasse passen, als Läden für Zauberei? The Shop that must not be named oder The Boy Wizard sind nur zwei von einer handvoll, die man in den Shambles finden kann. Weil es so schön ist, gibt es dazu auch gleich ein paar Fotos.
Unser Weg führte uns durch die Stadt am Clifford’s Tower vorbei in Richtung Fluss. Der Turm war Burgfried von York Castle, das nur noch in fragmentarisch erhalten ist. Der Turm jedenfalls ragt prominent aus seiner Umgebung heraus. Er gehört zum English Heritage und kann besichtigt werden. Uns trieb es hinunter zum Fluss, wo bei diesem schönen Wetter einiges los war. Glücklicherweise konnten wir einen der letzten freien Tische ergattern und erst einmal Pause machen.

Später ging es wieder zurück in die Altstadt, wo wir ein letztes Mal am Münster vorbeischauten. Dort findet sich auch ein Denkmal, das Konstantin den Großen zeigt. 306 wurde er nach dem Tod seines Vaters in York (das damals Eboracum) von seinen Soldaten zum Kaiser ausgerufen, was gleichzeitig auch das Ende der römischen Tratrachie bedeutete. Konstantin ging als einer der bedeutendsten Kaiser Roms in die Geschichte ein.
Für uns war es an der Zeit, wieder in Richtung Yorkshire Dales zu fahren. Zum Abschluss hier noch ein paar Fotos aus York.
Letzteres ist tatsächlich so. Wir mögen es, Urlaub in kleinen Orten zu machen. Diesmal haben wir wohl den kleinstmöglichen Ort gefunden. In der Volkszählung von 2011 hatte Hebden 246 Einwohner. Viel kann sich nicht geändert haben. Der Ort besteht im Grund aus zwei größeren Straßen, die durch ein paar kleinere Straßen verbunden sind. Wobei der Ausdruck „größere Straßen“ schon ein wenig hochgegriffen ist. Man müsste schon einiges an Geduld mitbringen, wenn man auf diesen „großen“ Straßen überfahren werden wollte. Wenn man allerdings auf den kleineren Straßen steht, während ein Auto kommt (doch, das kann passieren), würde man unweigerlich unter das Auto geraten, wenn man sich nicht in einen nahen Hauseingang retten würde. Das Gute daran ist: Man muss sich nicht beeilen. Schneller als Schrittgeschwindigkeit fährt in diesen Lanes niemand.

Aber nicht nur Mauern gibt es in Yorkshire, auch Schafe hat es im Überfluss. Während wir unserem Weg am Fluss entlang folgten, mussten wir immer wieder durch Holztore gehen, die den Schafen den Durchgang verwehren. Oder eben über Mauern steigen. In diesem Fall sind Trittsteine angebracht. Hauptsache, die Schafe können nicht entkommen. Hier und da wird den Schafen anscheinen übel mitgespielt. Wie anders könnte man das Schild sonst interpretieren: „Schafe und Lämmer wurden in dieser Gegend von Hunden angegriffen. Haben Sie Ihren Hund unter Kontrolle – am besten an einer Leine“.

Im Ort fiel mir ein Briefkasten auf. Statt rot bemalt zu sein, strahlte er golden. Ein Streich mit einem Briefkasten ihrer Majestät? Mitnichten. Eine Tafel an der Seite des Briefkastens brachte Erleuchtung. Der Kasten war von der Royal Mail gestrichen worden, um die von Andrew Triggs Hodge gewonnene Goldmedaille im Vierer ohne Steuermann zu feiern, die der oben genannte in London errudert hatte. Triggs Hodge wurde zwar nicht in Hebden geboren, zog aber im zarten Alter von einem Jahr hierher. Er verbrachte seine Kindheit hier und scheint erst gegangen zu sein, als er die Schule beendet hatte. Kein Wunder, dass man in Hebden stolz auf ihn ist. Neben der Goldmedaille in London hatte er schon in Peking mit dem Vierer Gold geholt – und in Rio mit dem Achter.