Haworth

War das eine Überraschung für Julian, als Jonathan plötzlich am Auto stand. Frank und ich freuten uns, dass sie so gut gelungen war. Julian, der seien Bruder schon ziemlich vermisst hatte, war komplett überrumpelt und glücklich. Jonathan war in erster Linie müde, denn er war schon um 5.30 Uhr aufgestanden. Doch auf den gewundenen Straßen in Yorkshire kommt man kaum zum schlafen. Außerdem gibt es sowohl Schlaglöcher als auch kleine Erhebungen, so dass man seltenst ganz ruhig fährt. Schlafen war auch nicht angesagt, denn es ging nach Haworth, der Heimat der Brontës.

Ich oute mich hier gern als Fan der Schwestern. Schon sehr früh habe ich Wuthering Height (Die Sturmhöhe) gelesen und war fasziniert davon. Der Roman spielt in den Mooren von Yorkshire. Wer ihn noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt nachholen. Cathy und Heathcliff sind Figuren, die einen sehr in Bann ziehen können. Es geht um Liebe und Hass und Standesunterschiede und immer wieder spielt die Landschaft von Yorkshire eine wichtige Rolle. Emily Brontë schrieb den Roman im Alter von 28 Jahren. Es wurde parallel mit Agnes Grey, dem Buch ihrer jüngeren Anne, veröffentlicht. Und damit noch vor Jane Eyre. Charlotte Brontë schrieb diesen als Autobriografie angelegten Roman als ihr zweites Werk. The Professor (Der Professor), das Buch, das gleichzeitig mit den Werken ihrer Schwestern hätte veröffentlicht werden sollen, hatte der Verleger abgelehnt. Jane Eyre ist ein Buch, das man genauso verschlingt wie Wuthering Heights. Die Geschichte der Waise Jane , ihr Heranwachsen unter schwierigen Umständen, ihre Anstellung als Gouvernante auf Thornfield Hall und ihre Zeit bei den Rivers Geschwistern ist fesselnd. Und wem die Geschichte um die junge Frau, die sich nicht mit den engen Regeln abgeben will, die für Frauen, soziale Klassen oder Erziehung gelten sollen plus eine Liebesgeschichte mit echten Hindernissen, nicht reicht, dem kann ich auch nicht helfen.

Es ist erstaunlich, wie die Schwestern aus diesem kleinen Ort, ohne großartige Einflüsse von außen, solche Romane hervorbringen konnten. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht war es gut, dass diese Einflüsse fehlten, denn sonst hätten die Brontës vielleicht die viktorianischen Regeln als gegeben und unumstößlich angesehen. Möglicherweise ist es dieser Widerspruch, der jedes Jahr Unmengen an Besuchern nach Haworth zieht. Zweimal war ich bisher dort gewesen (einmal davon mit Frank) und jedesmal war es brechend voll gewesen. Diesmal hatten wir Glück! Die Hauptstraße war so leer, dass wir tatsächlich ein Foto machen konnten. IMG_9015.jpg

img_6493.jpgZuerst ging es allerdings in die Kirche, dem ehemaligen Arbeitsort von Patrick Brontë (inzwischen umgebaut und umgestaltet) und der letzten Ruhestätte der Familie. Abgesehen von Anne, die in Scarborough starb und auch dort beerdigt wurde. An einer Säule ist eine Inschrift angeracht, die auf den Ort der Grabstätte hinweist. Eine weitere Tafel ist in der Memorial Chapel zu sehen. Die Kapelle wurde der Kirche erst 1963 hinzugefügt. Selbst die Kirche war leer, sieht man von einer spanischen Schulgruppe ab, die ordentlich Temperament mitbrachte. Den Organisten brachte die Lehrerin immerhin dazu, in der Kirche Que sera, sera zu spielen.

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Haworth ist Brontë. Vieles wird mit dem Namen der Schwestern (den Bruder lasse ich frech unter den Tisch fallen) verkauft. Aber die Händler in haworth haben ja auch nur eine Straße in der sie verkaufen können und niemand bleibt länger als einen Tag. Da muss man nicht schon etwas einfallen lassen. Doch als wir da waren, sah alles ganz ansprechend aus. Es gibt inzwischen auch nach den Brontës benannte Wanderungen durchs Moor. Die Emily-Brontë-Wanderung ist mit 15 Meilen (24 km) der längste.

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Brontë Parsonage und Brontë Car Park. Geht alles.

In die Brontë Parsonage kamen wir, ohne anstehen zu müssen. Das Museum wird von der Brontë Society erhalten, eine der ältesten literarischen Gesellschaften im englischsprachigen Raum. Sie entstand 1893 nach einem Treffen, bei dem einge Gruppe von Menschen sich verabredete, das persönliche Besitztümer der Brontës, die nach dem Tod des Vaters 1861 verauktioniert worden waren, zurückzukaufen und zu sammeln. eine kleine Information am Rande: Nach der Veröffentlichung von Jane Eyre und dem Tod ihrer Schwestern, war Charlotte Brontë eine Berühmtheit geworden. Leute kamen, um sie anzusehen. Nach ihrem Tod wiederum wurde Patrick Brontë, der Vater, um Erinnerungsstücke gebeten. Er riss Briefe entzwei und gab Teile an diese ersten Brontë-Pilger. Auch riss er die Unterschriften seiner Töchter aus ihren Briefen, um sie an Brontë-aficionados zu geben.

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Brontë Parsonage Museum

Zum Besuch des Museums teilten wir uns wieder auf. Zwei gingen ins Museum, zwei warteten mit Lilly. Frank und Julian waren als erste an der Reihe, während Jonathan und ich mit Lilly aus dem Ort und über eine Schafswiese wanderten. Danach waren wir an der Reihe.

 

Virginia Woolf schrieb nach einem Besuch in Haworth „Haworth expresses the Brontës; the Brontës express Haworth; they fit like a snail to its shell“ (Haworth drückt die Brontës aus und die Brontës sind ein Ausdruck von Haworth; sie passen zueinander wie die Schnecke zu ihrem Haus). Ersten: Was gibt es dem hinzuzufügen? Zweitens: Ich würde noch einmal hinfahren!

PS
Für diesen Blog stehe ich jeden Morgen früh auf, statt im Bett zu lesen. In den nächsten Tagen werde ich nicht so fleißig sein, denn wir haben einiges vor, so lang Jonathan da ist. Und dazu müssen wir früh los.
Heute schlafen die Jungs noch einmal aus. 😉

 

Skipton

Es gab ein paar Dinge die Laburnum Cottage nicht im Angebot hatte,die wir aber benötigten, andere fanden wir vor unserer Abfahrt nicht und außerdem war es an der Zeit, endlich Bargeld abzuholen. Das hatten wir bisher nicht geschafft. Daher entschieden wir uns, am Montag nach Skipton zu fahren.

Wir fuhren aber nicht gleich los, sondern nutzten den Vormittag für Lesen, Schreiben und natürlich einen Hundespaziergang. Diesmal ging in die Main Street in anderer Richtung entlang. Dabei stellte ich fest, dass der Tea Room nicht nur täglich geöffnet, sondern auch stark frequentiert ist. Schon morgens saßen mehrere Besucherinnen draußen und tranken ihren Tee. Das werden wir auch auf unsere Liste der Dinge setzen, die zu tun ist. Wenn man die Main Street nur einige Meter entlang geht, ist man schon aus Hebden heraus und kann wunderbare Ausblicke genießen.hebden1.jpg

Doch vor dem Frühstück gibt es noch keine langen Wanderungen, weshalb wir nur eine kurze Runde drehen. Obwohl Hebden über nur so wenige Einwohner verfügt, gibt es im Ort aber zwei Kirchen, eine anglikanische und eine methodistische. In der ersten wird anscheinend einmal pro Monat ein Gottesdienst gehalten. Immerhin ist sie täglich geöffnet.

Das Dorfleben scheint hier überhaupt intakt zu sein. Die andere Möglichkeit ist, dass es so viele Touristen gibt, dass man – zumindest im Sommer – viele Angebote machen kann. So fiel mir unterwegs ein Aushang auf, der auf eine weitere Veranstaltung hinwies, genauer gesagt auf gleich zwei.

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Am 13. Juli gibt es Afternoon Tea im Hebden Village Institute. Zwei Kirchen, ein Tea Room, ein Hotel mit Pub und ein Village Institute (was und wo immer das genau ist). Und außerdem trinken sie einmal im Monat gemeinsam Kaffee. Nicht schlecht. Doch wir wollen heute nach Skipton, weshalb ich darauf verzichtete, das Institut zu suchen. Erst mal gab es auf Wunsch einer einzelnen Person englisches Frühstück. Danach machten wir uns auf den Weg nach Skipton.

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Skipton ist ein Marktflecken, eine Kleinstadt mit knapp 15.00 Einwohnern. Die Stadt wird durchzogen vom Fluß Aire und vom Leeds and Liverpool Canal. Immer wieder schafft es das Städtchen auf die Liste der lebenswertesten Orte in Großbritannien, was wohl an der Lage nahe den Dales, den Schulen, dem Markt und anderen Angeboten liegt. Für uns ist Skipton der nächste Ort mit einem großen Supermarkt.

adapter.jpgWas uns aber erst einmal interessierte, waren Adapter. Unsere schlummern zu Hause an einem versteckten Ort vor sich hin. Wir haben sie extra so weggeräumt, dass das wir sie bestimmt wiederfinden. Leider haben wir vergessen, wo dieser Ort ist. Einen einzigen Adapter haben wir bei uns, doch der reicht nicht für die diversen elektronischen Gerätschaften, die wir bei uns haben. Glücklicherweise wurden wir im Supermarkt fündig, so dass der Adapter nun nicht mehr immer ausgetauscht werden muss. Was wir außerdem brauchten, war ein Schneidbrett. Vermutlich wird hier nichts geschnitten, denn eigentlich fehlt auch ein wirklich scharfes Messer. Nun ja, wir wollen uns nicht beklagen … Julian versorgte sich noch mit Essigchips und dann ging es los in die Stadt.

canl-2.jpgKanal und Fluß durchziehen die Innenstadt von Skipton, die wirklich sehr hübsch ist. Auf dem Wasser liegen diese schmalen englischen Hausboot und hier kann man sie tatsächlich sogar mieten. Was wir aber nicht taten. Stattdessen wanderten wir einen Pfad entlang, der direkt neben dem Fluß (oder war es der Kanal?) entlangführte. Nach einer Weile bogen wir ab in Richtung Markt und Innenstadt. Der Markt konnte uns nicht wirklich begeistern, gab es doch in der Hauptsache merkwürdige Mode. Allerdings wurden auch – was wir sehr ungewöhnlich fanden – Teleskope angeboten. Auf der Straße …

Am Ende der High Street befindet sich Holy Trinity Church, die um 1300 entstand. Sie ist die ältere der zwei anglikanischen Kirchen der Stadt. Typisch englisch, gab es in der Kirche einen Flyer, der Menschen für das Bellringing interessieren sollte. „Wie wäre es damit, mal etwas ganz anderes auszuprobieren?“, fragt das Flugblatt. Wechselläuten ist eine typisch englische Form des Glockenläutens. Dabei werden mehrere Glocken naheinander geläutet. Wenn alle einmal geläutet haben, beginnt die zweite Runde, in der alle Glocken einen Platz vorrücken, so dass es keine Wiederholungen gibt. Die ganze Geschichte ist äußerst kompliziert und mag an anderer Stelle nachgelesen werden. Oder aber, man liest Dorothy Sayers Buch „The Nine Taylors“, auf deutsch „Hochzeit kommt vor dem Fall“. Da es sich um den elften Band von Sayers Lord Peter Wimsey-Reihe handelt, wäre es allerdings auch nicht falsch, mit dem ersten Band zu beginnen. Das wäre „Strong Poison“ oder auch „Starkes Gift“.

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hb_32.130.6In der Kirche liegen Henry Clifford, 1. Earl vom Cumberland und George Clifford, 3. Earl vom Cumberland begraben. Die Cliffords besaßen Skipton Castle, das direkt neben der Kirche liegt. Henry war durch König Heinrich VIII. zur Earlswürde gekommen, denn Heinrich benötigte jemanden, der England im Norden gegen die Schotten verteidigte. Der auch in Holy Trinity begrabene George ist sein Enkel. Er hielt sich lieber an Elizabeths Hof im Süden auf. Er war Champion der Queen und hielt damit einen Titel, den es bis heute gibt. Als versierter Turnierkämpfer besaß er eine wunderschöne Rüstung, die heute im New Yorker Metropolitan Museum of Art ausgestellt ist.

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Der Eingang zu Skipton Castle, gleich neben der Kirche

Aber nicht nur die Männer im 16. Jahrhunder wussten sich zu kleiden. Auch der moderne Mann schaut gern nach neuen Federn. Beim Anblick des Ladens von Jenson Samuel Menswear beschloss Julian, etwas Neues zu probieren. Und obwohl die Rüstung von George Clifford schwer beeindruckend ist, schießt Julian in diesem Fall den Vogel ab.

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Gegen diesen Chic kommt der Earl nicht an. In Skipton gibt es natürlich auch Filialen der großen Ketten. Es gibt allerdings auch sehr viele inhabergeführte Läden. Und es gibt den Craven Cour Shopping Centre. Es erinnert an eine viktorianische Arkade und beherbergt über 20 kleine und größere Läden. Für alle Harry Potter Fans ein wahres Mekka ist ein Laden, der Julian und mich besonders beeindruckte.

Wir hätten vermutlich viel Geld in diesem Laden lassen können, wenn wir uns nicht so gut im Griff gehabt hätten. Es war aber auch zu verzaubernd. Erstaunlich, was das Merchandising da alles auf den Markt geworfen hat.

Unterwegs fiel uns ein weiterer goldener Briefkasten ins Auge. Er war zur Würdigung von Danielle Brown gefärbt worden. Sie ist eine Bogenschützin, die bei den Paralympischen Spielen 2012 in London Gold gewann. Die englischen Briefkästen sind normalerweise rot, um schnell erkannt zu werden. Das war nicht immer so. Beim ersten Aufstellen der Kästen waren alle grün gestrichen, weil sie sich besser in die Landschaft einpassen sollten. Zwischen 1987 und 1884 wurden sie nach und nach alle umgestrichen, da rot besser ins Auge fällt. Anlässlich der Olympischen Spiele und der Paralympischen Spiele in London 2012 hatte die Royal Post die Idee gehabt, für Goldemedaillengewinner Briefkästen, die an Orten mit Bezug zu den Sportlern stehen, golden zu bemalen. Das andere Farbschema sollte nur vorübergehend sein. Die goldenen Briefkästen kamen allerdings so gut an, dass im November 2012 entschieden wurde, sie stehen zu lassen.

Nun komme ich doch noch mal auf Hebden zurück: Zwei Kirchen, ein Tea Room, ein Hotel mit Pub und ein Village Institute und mit Andrew Triggs Hodge ein Goldmedaillengewinner. Das ist schon eine Menge für einen so kleinen Ort.

In Skipton spazierten wir noch ein wenig durch die Stadt und am Kanal entlang, tranken im Pub Yorkshire Rose einen leckeren Cappuccino und fuhren wieder zurück nach Hebden.